Guter Sex ist eine Kunstform

Ein Gastbeitrag von Dietmar Steiner-Winkler

Öfter höre ich Beschwerden von Frauen, dass manche Männer ihnen erklären wie sie „Sex zu machen haben“ oder „Wie Sex geht„. Diese Frauen sind frustriert über dieses Verhalten oder – wenn sie etwas mehr Erfahrung haben – machen sich gerne darüber lustig. Diese Reaktionen sind nachvollziehbar.

Interessant ist, dass ich als Hetero-Mann so manche ähnliche Geschichte über die eine oder andere Frau zu erzählen habe. Frauen, die mir erklärt haben, dass „ich Sex falsch mache“ oder „nicht weiß, wie ich eine Frau befriedigen kann“ oder meine männliche aber genau so auch individuelle Sexualität pauschal denigrieren oder ohne großes Engagement gleich qualitativ aburteilen oder mir „Unachtsamkeit„, „mangelnde Sensibilität“ oder ähnliche intime und/oder sexuelle „Inkompetenz“ unterstellen.

Tatsache ist: So klamaukhaft und linkisch und mitunter etwas despektierlich individuelle männliche Vorträge oder Urteile über die Sexualität individueller Frauen sind, so sind diese genauso von Frauen gegenüber Männern.

Meine Erfahrungen

Als Hetero-Mann kann ich mich inzwischen glücklich schätzen, in meinem Leben mit einer Reihe von Frauen intim gewesen zu sein und das ich einen entsprechenden, wenn nicht gerade unerschöpflichen, dann aber doch schon ganz passablen Erfahrungsschatz in Sachen Sex und Intimität habe ansammeln können.

Vom unschuldigen zarten 1on1 Sex über leichte Dom/Sub Dynamiken, Oralsex, Sex an ungewöhnlichen Orten (sehr schöne Erinnerungen werden wach 😊) verschiedene Stellungen, von 3+ Sex und Orgien mit 100+ Teilnehmern (so unromantisch wie es klingt) und all-out Quasi-Porno-Sex bis hin zu tantrischem Slow-Sex mit epischen Super-Orgasmen war für alle Beteiligten immer etwas schönes dabei. Und ich kann mich glücklich schätzen, von so mancher Frau Dankbarkeit und manchmal gar Lob und Anerkennung für ihre sexuellen Erfahrungen mit mir empfangen zu haben. Zum Glück weit öfter, als die Art der oben erwähnten, mitunter tölpelhaften Schnellschusskritik von der einen oder anderen Frau.

Und dies alles mit sexuellen Vorlieben und Phantasien, die ich selbst als eher konservativ und vergleichsweise Moderat bezeichnen würde. Petting, klassischer Geschlechtsverkehr und Oralsex sind die Modi, die für mich weitgehend ausreichen.

Und auch wenn ich Dirty Talk, leichte Dom/Sub Dynamik, Lingerie und Sexwäsche, guten 3+ Heterosex, etc. zu schätzen weiß, so halten sich eher ungewöhnliche Kinks in einem sehr überschaubaren Rahmen, wenn ich denn überhaupt welche habe (mir fällt gerade nichts besonderes ein). Lingerie und Sexwäsche landet eh immer nach ein paar Sekunden auf dem Boden. Man(n) will nicht die Wäsche, sondern die Frau, die drin steckt. Offensichtlich.

Auch braucht 3+ Sex ein besonderes Maß an Wachsamkeit, Aufmerksamkeit und ein Mindestmaß an Vertrautheit und Selbstsicherheit bei allen Beteiligten um nicht in echte Arbeit auszuarten. Wer das nicht weiß und/oder entsprechende Erfahrungen gemacht hat, kann z.B. Orgien leicht überbewerten.

Trotzdem kann ich mit Fug und Recht und als Hetero-Mann sagen, dass ich Sex liebe. Dafür leben wir und in diesem Sinne bin ich nicht anders gepolt als andere.

Unsicherheit, Unwissenheit und fehlende Erfahrung

Mir selbst ist zum Glück immer wieder sehr schnell klar gewesen, dass das Gerede vom „falschen Sex“ oder „jetzt zeige ich Dir mal wie das richtig geht“ oder „was machst Du da eigentlich?“ meistens nicht aus Bosheit, sondern aus Unbedachtheit, Unwissenheit und Unsicherheit kommt, gleichermaßen bei Männern wie bei Frauen.

Was bei diejenigen, die sich übereilt und ohne wirkliche Grundlage in Urteilen über die Sexualtität anderer versteigen, übersehen, sind ein paar elementare Grundsätze, über die, nach meiner Erfahrung, bei erstaunlich wenigen Menschen – Männern und Frauen gleichermaßen – Einsicht herrscht. Nicht selten auch bei Leuten, die durchaus schon viel Sex mit wechselnden Partnern hatten aber vielleicht im Vorfeld schon gezielter nach bestimmten Vorlieben und sexuellen Modi Ausschau gehalten haben.

Deshalb hier eine Liste von Grundsätzen zum Thema Intimität, Eros und Sexualität, von denen ich glaube, das man sie sich immer wieder klarmachen sollte:

1.) Jeder Mensch, jede Frau, jeder Mann ist anders, liebt anders

Dieser Grundsatz wird sehr gerne ausgeblendet, wenn es um Sex geht. Meist weil man nervös ist und den Blick auf das Gesamtbild verliert.

Das zarte stille Mauerblümchen im unschuldigen Kleid geht im Schlafzimmer ab wie ein Rakete wenn man(n) sie hart durchnimmt und sie dabei „Du kleine rallige Porno-Spalte“ nennt. Eine andere Frau, die schon mehr als hundert Partner hatte, braucht es sanft, mit zartem Vorspiel und gutem Vorlauf und verliert augenblicklich die Lust, wenn sie ein schmutziges Wort hört, das bei Ihr falsche Assoziationen auslöst. Eine Frau hat schon bei der zartesten Berührung einen Mehrfachorgasmus, die andere will hart und fest an der Vulva gepackt werden, um überhaupt etwas zu spüren.

Bei Männern ist dies nicht anders. Der nerdige, im Alltag etwas linkische und verunsicherte Hänfling wandelt sich im Schlafzimmer in weniger als 3 Minuten zur veritablen Sex-Bestie, der ultra-fitte und kräftige lokale Vize-Meister im Bodybuilding und Calisthenics braucht 30 Minuten kuscheln, knutschen und zärtliche Worte bevor er sich wohl und sicher genug fühlt, um eine Erektion zu kriegen.

Beim Tango tanzen (eines meiner persönlichen Lieblingsbeschäftigungen) will eine Frau adrett und mit Anstand Haltung wahren und nur in Ausnahmefällen in die enge Umarmung gehen, ihre Schwester ist mit dem gleichen Tänzer nach 10 Takten schon komplett im „vertikalen Sex“ Modus des Tango. So sehr, dass sich umstehende schon Sorgen machen müssen, ob die beiden da sich jetzt vielleicht gleich abknutschen, die Kleider vom Leib reißen und mitten auf der Tanzfläche übereinander herfallen. Der eine Partner verbietet seinem Partnerin einen solch intimen Tanz mit anderen, andere Tanzpärchen geniessen das wohldosierte emotionale und erotische Fremdgehen auf der Tanzfläche als hervorragende Ergänzung und Befeuerung zu ihrem eigenen Liebesleben.

All diese und andere Modi von Intimität, Eros und Sex haben eines gemeinsam: Keiner ist besser oder schlechter als der andere, alle sind gleichermaßen schön und vollkommen und haben ihre Daseinsberechtigung!

Wenn aber eine Frau oder ein Mann bei intimen Begegnungen genau hierzu Schnellschußurteile fällen, dann ist ihr/ihm ein fundamentaler Fehler unterlaufen: Die eigenen vielschichtigen erotischen, sexuellen und intimen Modus-Operandi als den einzig möglichen oder gar einzig „richtigen“ einzuordnen. Das passiert auch in unserer ultra-hedonistischen Post-Pill Gesellschaft auch heute noch erstaunlich häufig. Und durchaus auch bei Leuten, bei denen man eigentlich mit mehr erotischer Souveränität gerechnet hätte.

Ein schnelles und starkes Pauschalurteil habe ich mir, zum Beispiel, schon mal von einer professionellen Sextherapeutin, mit der ich ein Techtelmechtel hatte, anhören müssen. Mir war in dem Augenblick klar, warum sie Sextherapie als Beruf gewählt hatte. Und das meine ich durchaus absolut wert- und urteilsfrei. Jeder hat seine persönliche Schlacht zu schlagen und manchmal hat die eigene Berufswahl genau damit zu tun. QED.

2.) Man kann dem Gegenüber nur vor den Kopf gucken

Dieses Detail hängt mit #1 zusammen. Zu oft erwarten Liebende, dass der/die Gegenüber Gedanken lesen kann und weiß, was man sich gerade vom anderen wünscht. Man erwartet, dass der Gegenüber es gleich „richtig“ macht und ist enttäuscht, wenn das nicht passiert. Wie soll es denn aber auch sofort passieren, wenn wir uns Grundsatz #1 vor Augen halten? Sex, Eros und Intimität muss erforscht und ausgehandelt werden, und das manchmal auch nicht nur non-verbal, sondern mit klaren aber freundlichen Worten.

3.) Jedes Paar hat seine eigene Geschmacksrichtung von Sex

So wie jedes Individuum in seiner erotischen Komposition sich unterscheidet von anderen, so ist es auch mit jedem Pärchen. Vorlieben und Phantasien sind nie genau gleich und passend und wenn Partner sexuell zusammen gefunden haben, dann ist daraus eine ganz eigene gemeinsame Variante der Liebe entstanden.

4.) Guter, dauerhaft befriedigender Sex ist eine Kunstform

Diese, meine, Klassifizierung halte ich für absolut treffend. Guter Sex ist eine eigene Kunstform. Und als solche kann und sollte man auch die Regeln der Kunst hier anwenden.

  • Man kann und sollte guten Sex üben.
  • Man kann und darf dabei auch mal „scheitern“ oder enttäuscht sein.
  • Man muss die Details von Sex üben und aushandeln, und durchaus auch mit gegenseitiger Geduld und mit Nachsicht, wenn es nicht gleich beim erstem mal oder auch beim 20igsten mal perfekt funktioniert.
  • Auf den eigenen Körper und die eigene Gesundheit zu achten und auch für diese Kunstform zu optimieren ist angezeigt, wenn man sich über seine bisherigen Grenzen hinaus weiter entwickeln will. (Ergo: Ab ins Fitnessstudio, Du Fettsack! 😎)
  • Es ist absolut richtig und angebracht, Zeiten für diese Kunst zu reservieren und diese Termine genau so wichtig zu nehmen wie einen wichtigen Geschäftstermin.
  • Zur Ausübung der Kunst gehört ein besonderes, ein schönes Ambiente und der passende Raum. Der eigene Liebestempel ist Standard bei den meisten Paaren, die eine glückliche Beziehung mit befriedigender Intimität führen.
  • Genau wie Tanz, wie z.B. Tango, entsteht „Perfektion“ durch gemeinsames üben, Zusammenarbeit und das auf einander acht geben.
  • Die eigene Verfassung ist für die Ausübung dieser Kunst ebenfalls wichtig. Körperliche und emotionale Hygiene, Ausgeruhtheit und ein halbwegs freier und offener Geist – Shoshin, der Geist des Anfängers/Schülers – sind eine notwendige und sinnvolle Grundverfassung, um die Kunst zu üben und dabei Fortschritte zu machen.
  • Die Kunst wandelt sich mit der Zeit und das ist auch OK so.

5.) Der beste Sex macht Kinks, Fetische, Fremdgehen, Gangbangs, Orgien, Pornographie, etc. überflüssig bzw. schlichtweg langweilig

Wenn Mann und Frau sich kennen, ihre Signale lesen können und gemeinsam mit tantrischen Übungen, Sex Übungen und gewissenhaftem und achtsamen Umgang miteinander schlussendlich ekstatische Superorgasmen im Dauerabo gebucht haben, verschwindet jede andere sexuelle Phantasie und tritt gegenüber der neuen erotischen Realität weit zurück. … Echt jetzt.

Wenn ein Paar sich wirklich kennt und wirklich Intim miteinander ist und sicheren Tritt in wiederholten Orgasmen, Dauerorgasmen und Superorgasmen gefasst hat, dann ist oft eine tiefe glückliche Beziehung bis ans Lebensende die Folge. Nichts, was vorher war, kann dann auch nur ansatzweise mit dem mithalten, was die Liebenden jetzt für sich erschlossen haben. Sie sind wahrhaft in eine Einheit verschmolzen.

Die Latte liegt hoch aber erreichbar

Ich persönlich bin auf der Suche nach einer solchen Beziehung, wie ich sie im Punkt #5 dargelegt habe. Mir persönlich war nie nach Affären und der moderne Hedonismus mit seiner allgegenwärtigen Promiskuität war mir schon immer etwas suspekt. Allerdings bin ich auch ein Kind meiner Zeit und muss als Hetero-Mann ein Stück weit diese Volatilität moderner Intimbeziehungen mit erdulden. Zumindest bis jetzt. Ich bin 55 Jahre alt und meine Libido ist schon etwas auf dem Rückzug, auch und gerade durch diese Volatilität, die schon etwas zu oft Wunden hinterlassen hat auf die ich gerne verzichtet hätte. Gegengesteuert wird mit Yoga, Krafttraining und Tanz, aber ganz aufhalten lässt sich die Biologie nicht. Auch und gerade deswegen ist mir eine Partnerin, die mit mir den höheren Eros üben will, wichtiger denn je.

Erweitere Deine Perspektive

Für alle anderen, die vielleicht dem Irrtum verfallen sind, dass der perfekte Sex, die störungsfreie Intimität vom Himmel fällt und wenn dies nicht der Fall ist, ein herablassender Spruch und ein sofortiges Weiterziehen angezeigt ist, habe ich diesen Artikel geschrieben. Vielleicht hilft er ja der/dem einen oder anderen die eigene Perspektive auf dieses sehr nahegehende Thema zu erweitern.

Seid lieb zu einander und gebt aufeinander acht.

Dietmar

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